Die Leitziele des SGB VIII (Sozialgesetzbuch, Achtes Buch – Kinder- und Jugendhilfe) sind zentrale Grundsätze, die die Ausrichtung der Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland bestimmen.
1. Wohl des Kindes
Das Wohl des Kindes steht im Mittelpunkt aller Maßnahmen der Kinder- und Jugendhilfe. Es soll sichergestellt werden, dass die Bedürfnisse und Interessen der Kinder und Jugendlichen respektiert und gefördert werden.
2. Förderung der Entwicklung
Die Kinder- und Jugendhilfe hat das Ziel, die positive Entwicklung von Kindern und Jugendlichen zu unterstützen. Dazu gehört die Förderung ihrer sozialen, emotionalen, kognitiven und körperlichen Fähigkeiten.
3. Stärkung der Erziehungskompetenz
Erziehungsberechtigte sollen in ihrer Erziehungskompetenz gestärkt werden. Die Zusammenarbeit mit Familien ist ein zentrales Element der Hilfeplanung.
4. Teilhabe und Integration
Die Teilhabe von Kindern und Jugendlichen an der Gesellschaft soll gefördert werden. Die VielFalt gGmbH spricht sich für ein humanistisches Menschenbild aus, welches durch unbedingte Wertschätzung und den respektvollen Umgang und Toleranz, unabhängig von der Weltanschauung, dem Geschlecht, der Nationalität und der Konfession geprägt ist
5. Prävention
Präventive Maßnahmen sollen dazu beitragen, Probleme frühzeitig zu erkennen und zu beheben, bevor sie sich zu schwerwiegenden Schwierigkeiten entwickeln.
6. Individuelle Hilfe
Die Hilfen sollen individuell auf die Bedürfnisse der Kinder, Jugendlichen und ihrer Familien abgestimmt sein. Es wird Wert auf eine bedarfsgerechte Unterstützung gelegt.
7. Kooperation und Netzwerkarbeit
Eine enge Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Institutionen (z.B. Schulen, Gesundheitsdiensten) sowie zwischen den Fachkräften der Jugendhilfe ist wichtig für eine ganzheitliche Unterstützung.
8. Partizipation
Kinder und Jugendliche sollen aktiv in Entscheidungen einbezogen werden, die sie betreffen. Ihre Meinungen und Wünsche sind wichtig für die Gestaltung von Hilfen.
Diese Leitziele bilden den Rahmen für die Arbeit in der Jugendhilfe und sollen sicherstellen, dass die Angebote den Bedürfnissen der jungen Menschen gerecht werden.
Hieraus resultieren die entsprechenden Leitziele für die Arbeit innerhalb diesen Leistungsangebotes:
Eine besondere Zielgruppe stellt nach wie vor die Unterbringung von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen dar. Diese jungen Menschen sind vor Bürgerkrieg, Gewalt, drohendem Kriegsdienst, politischer, ethnischer, rassistischer und religiöser Verfolgung, vor Perspektivlosigkeit oder wegen der völligen Zerstörung ihrer Lebensgrundlagen geflohen.
Die Wohngruppe soll allen Bewohnern einen strukturierten Wohngruppenalltag im Sinne von Halt und Stabilität bieten können. In einem stabilen und geschützten Rahmen ist es den Jugendlichen möglich sich neu zu orientieren und mit Hilfe geschulter Fachkräfte über eigene Wünsche und Probleme, an welchen in der täglichen Arbeit mit ihnen gearbeitet werden soll, reflektiert nachzudenken Die Jugendlichen werden an allen sie betreffenden Prozesse beteiligt und erhalten so auch außerhalb des Hilfeplanverfahrens die Möglichkeit ihren Hilfeprozess (mit)zusteuern. Oberstes Ziel in der Arbeit mit den Jugendlichen ist das Herstellen von Lebenskompetenz. (Vgl. Zielvorstellungen)
Die Feinziele orientieren sich an den Maßgaben des Einzelfalles. Von hoher Bedeutung wird sein:
● Hilfe und Unterstützung bei der Bewältigung bzw. Bearbeitung psychisch belastender bis hin zu traumatischer Erfahrungen
● Ermöglichung neuer, positiver Beziehungserfahrungen bzw. Ausbau und Aufrechterhaltung bestehender positiver Systeme
● Persönlichkeitsstärkung (=>Ressourcenorientierung)
● Integration in das neue soziale Umfeld
● Zugang zu Bildung
● Verselbständigung und/oder Rückführung des Heranwachsenden
● Förderung der Resilienzfaktoren
● Stärkung der Frustrations- und Ambiguitätstoleranz
● Umgang mit eigenen Schwächen und Grenzen
● Umgang mit Transitionen
● Erkennen und Reflektieren eigener Bedürfnisse
● Balance herstellen zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung
● Kennenlernen deutscher Systeme, Vorbereitung auf ein eigenständiges Leben
● Stärkung von Selbstverantwortung und Selbstvertrauen
● Strukturierung des Alltags
● Entwicklung von Lebens- und Zukunftsperspektiven
● Förderung der Lebenskompetenz
Es werden demnach sowohl bei unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen, als auch bei deutschen Jugendlichen die Soziale Unterstützung, die Familie, die Sicherheit in der Wohnumgebung und die Arbeit/Ausbildung (Vgl. nachfolgender Absatz) als wichtigste Schutzfaktoren gesehen.
Auf diese zu erwartenden Problemstellungen, in der jeweiligen individuellen Ausprägung muss das Fachkonzept systemisch reagieren und alle lebensrelevanten Umstände einbeziehen.
Eines der obersten Ziele soll es also sein, dass die Jugendlichen Lebenskompetenz erwerben und/oder ausbauen.
Lebenskompetent ist, wer:
- sich selbst kennt und mag
- empathisch ist
- kritisch und kreativ denkt
- kommunizieren und Beziehungen führen kann
- durchdachte Entscheidungen trifft
- erfolgreich Probleme löst
- Gefühle und Stress bewältigen kann“ (Bühler/Heppekausen 2006, 101)
Auch der Bereich der Entscheidungsfähigkeit und Problemlösestrategien ist von zentraler Bedeutung für Lebenskompetenzprogramme. Zum Beispiel in Rollenspielen werden „[…] alltagsrelevante Situationen […]“ (Bühler/Heppekausen 2006, 103) mit Problematiken analysiert und sowohl Entscheidungen wie auch Lösungen erarbeitet. Dadurch soll ebenfalls kritisches Denken angeregt werden. Ein Brainstorming über verschiedene Ansätze der Problembewältigung kann ebenfalls zur Förderung von Problemlösestrategien genutzt werden. So sollen aus vielfach eindimensionalen Denkmodellen mit in aller Regel schwach ausgeprägten Lösungskompetenzen alternative Denkmodelle mit einer Fülle von Entscheidungsmöglichkeiten generiert werden.
Neben den genannten Schwerpunkten sind die Förderung der Beziehungsfähigkeit, Stressbewältigung, der ICH – Kompetenz und der Wahrnehmung eigener Gefühle ausschlaggebend für den Lebenskompetenzerwerb.
Die Förderung allgemeiner Lebenskompetenzen (‚life-skills‘ training) wurden auf Grundlage der sozialkognitive Lerntheorie Banduras und der Theorie des Problemverhaltens Jessor & Jessor’s entwickelt und durch die Fokussierung auf eine Ressourcenaktivierung des Klienten und die Annahme, dass eine Wohlfühlatmosphäre als Voraussetzung für die Wirksamkeit gilt, abgerundet. Ihre Umsetzung erfolgt in erlebnisorientierten, setting- und netzwerkorientierten Ansätzen sowie in Form des informationsorientierten peer-education Ansatz. (Vgl. Petermann/Roth 2006, 42ff)
Einzelne Aspekte dieser Arbeit finden sich je nach Bedarf in der Wohngruppenarbeit wieder.
Die Wohngruppe ist eine Einheit in der gelernt werden kann, im Spannungsfeld zwischen den eigenen Bedürfnissen und der Rücksicht und Verantwortung für Andere zu leben. Die Motivation mitzumachen wird durch die perspektivischen Vorteile für die jungen Menschen und das Erleben der Hilfestellung wach gehalten (Vorteilsübersetzung). Hierzu sind auch die Bildungsangebote von zentraler Bedeutung.
Im Bereich der Inobhutnahmen gelten ähnliche Ziele mit einer etwas anderen Vorgehensweise.
1. Situationsklärung
Erfassung der Lebenssituation: Eine umfassende Analyse der aktuellen Lebensumstände des Jugendlichen wird durchgeführt, um die Hintergründe der Inobhutnahme zu verstehen. Identifikation von Problemlagen: Es werden spezifische Probleme und
Herausforderungen identifiziert, die zur Inobhutnahme geführt haben.
2. Bedarfsermittlung
Individuelle Bedürfnisse erkennen: Die persönlichen Bedürfnisse, Wünsche und Ängste des Jugendlichen werden erfasst, um eine passgenaue Unterstützung zu gewährleisten Ressourcenaktivierung
3. Zieldefinition
Entwicklung von Zielen: Gemeinsam mit Jugendlichen werden realistische und erreichbare Ziele formuliert, die auf die individuelle Situation abgestimmt sind.
Planung von Hilfsangeboten: Auf Basis der definierten Ziele werden geeignete Unterstützungsangebote geplant
4. Stabilisierung/Intrinsische Motivation
Emotionale Stabilität
Soziale Integration: Der Jugendliche wird in die Gemeinschaft der Wohngruppe integriert, um soziale Kontakte aufzubauen und den alternativen Lebensort als positiv zu erleben – sich zu öffnen über geeignete Hilfemaßnahmen für sich selbst nachzudenken. (Peer-to-Peer Education)
5. Perspektivklärung
Zukunftsperspektiven entwickeln: Der Jugendliche wird dabei unterstützt Perspektiven für seine Zukunft zu entwickeln (z. B Rückkehr in die Familie; Übergang in eine andere Wohnform, Verbleib in der Wohngruppe oder eigenständiges Leben).
